Julius Evola Daily

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Tag 48 — Das Kontemplative und das Aktive

"Das kontemplative und das aktive Leben stehen einander nicht entgegen, wenn beide auf dasselbe transzendente Prinzip geordnet sind. Die Kontemplation ist die Schau der höheren Ordnung. Die Handlung ist die Verwirklichung dieser Ordnung in der Welt der Formen." — Julius Evola, Revolte gegen die moderne Welt

In der traditionalen Auffassung sind das Kontemplative und das Aktive zwei einander ergänzende Weisen desselben höheren Menschentypus. Kontemplation ist die Fähigkeit, die höhere Wirklichkeit zu sehen und mit ihr in Berührung zu bleiben. Handlung ist die Fähigkeit, diese Berührung in wirksame Gegenwart innerhalb der zeitlichen Welt zu übersetzen. Keines von beiden ist ohne das andere vollständig. Reine Kontemplation ohne Handlung bleibt unfruchtbar. Reine Handlung ohne Kontemplation bleibt blind und zuletzt horizontal.

Die moderne Welt hat das Verhältnis umgedreht. Sie erhebt die ruhelose Tätigkeit und behandelt die Kontemplation als Passivität oder als privaten Luxus. Die Folge ist eine fortwährende Ausgabe von Energie ohne herrschendes Zentrum. Die Menschen handeln, produzieren, konkurrieren und verbrauchen, und die Richtung des Ganzen bleibt von Kräften bestimmt, die sie nicht verstehen und nicht beherrschen.

Der junge Mann, der ein anderes Maß sucht, muß beide Dimensionen wiedergewinnen. Er braucht Zeiten echter innerer Stille, in denen der Lärm des Zeitalters nachläßt und das höhere Maß wahrgenommen werden kann. Er braucht zugleich die Fähigkeit, aus diesem Maß entschlossen zu handeln, sobald es klar ist. Das Gleichgewicht ist keine Formel. Es ist eine lebendige Spannung, die Tag für Tag gehalten werden muß.

Wer sich nur der Kontemplation zuneigt, riskiert, Zuschauer des eigenen Niedergangs zu werden. Wer sich nur der Handlung zuneigt, riskiert, ein tüchtiges Werkzeug genau der Kräfte zu werden, denen er widerstehen will. Der höhere Weg hält beide im Blick und ordnet beide demselben vertikalen Bezug unter. Diese Unterordnung ist das Zeichen eines Mannes, der nicht mehr bloß modern ist.

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