Julius Evola Daily

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Tag 122 — Das Schweigen

"Das Schweigen ist die Gegenwart eines Maßes, das keiner ununterbrochenen Äußerung bedarf, um wirklich zu bleiben." — Julius Evola, Den Tiger reiten

Das Schweigen ist eine positive Fähigkeit. Der Mann, der ohne Unbehagen nicht schweigen kann, hat die innere Distanz noch nicht errichtet. Er braucht die ununterbrochene Bestätigung der eigenen Stimme oder des äußeren Lärms. Der differenzierte Mensch kann das Schweigen bewohnen, ohne es füllen zu müssen. Lange Rückzüge erzeugen sie nicht. Sie entsteht durch die wiederholte Weigerung, zu sprechen, wenn die Rede unnötig ist, und durch die Weigerung, Lärm zu suchen, wenn die Umgebung still ist.

Das Zeitalter sättigt jedes Intervall mit Ton und mit der Forderung nach Antwort. Der junge Mann, der diese Sättigung hinnimmt, verliert die Fähigkeit, sich selbst zu hören. Die Rede wird reaktiv. Das Denken wird zersplittert. Der höhere Typus gewinnt Intervalle des Schweigens als praktische Notwendigkeit zurück. Er kündigt sie nicht an. Er schützt sie. In diesen Intervallen läßt sich das bleibende Maß ohne die Störung der ununterbrochenen horizontalen Strömung spüren.

Junge Männer werden darauf trainiert, das Schweigen als Peinlichkeit oder als Mangel an sozialer Geschicklichkeit zu deuten. Der höhere Typus deutet die Unfähigkeit, das Schweigen zu ertragen, als Mangel an Formung. Der Mann, der sprechen muß, um seine Existenz zu bestätigen, hat seine Existenz in die Hände des Äußeren gelegt. Der Mann, der schweigen kann, ohne die Präsenz zu verlieren, hat bereits ein Zentrum errichtet, das von ununterbrochener Äußerung unabhängig ist.

Übe die Weigerung unnötiger Rede. Übe die Annahme stiller Intervalle, ohne nach einem Gerät oder nach einem Gespräch zu greifen. Die Fähigkeit zum Schweigen ist eines der klarsten äußeren Zeichen, daß die innere Arbeit begonnen hat, zu greifen. Ohne sie bleiben die übrigen Anwendungen unvollständig.

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