Den Tiger zu reiten ist das zentrale Bild für die Haltung, die ein spätes Zeitalter verlangt. Der Tiger ist die Kraft der Auflösung selbst: die Beschleunigung der Veränderung, der Zusammenbruch der Formen, die Nivellierung des Ranges, die Herrschaft der Quantität und der wirtschaftlichen und technischen Mächte, die sie vorantreiben. Unmittelbarer Widerstand gegen diese Kräfte, wenn sie bereits zur herrschenden Strömung des Zeitalters geworden sind, bleibt weitgehend vergeblich. Die Energie des Widerstands wird aufgesogen oder gebrochen. Der differenzierte Einzelne stellt sich deshalb nicht vor den Tiger. Er besteigt ihn.
Den Tiger reiten heißt, sich mit den Kräften des Zeitalters zu bewegen und ihnen innerlich frei zu bleiben. Der Mann gebraucht, was die Auflösung liefert: ihre Techniken, ihre Beweglichkeit, ihre Instabilität selbst, ohne zuzulassen, daß diese Dinge seine Orientierung bestimmen oder sein Zentrum auflösen. Er feiert die Auflösung nicht. Er schließt sich den Parteien nicht an, die sie zu eigenen Zwecken beschleunigen. Er weigert sich lediglich, von ihr abgeworfen oder gefressen zu werden.
Diese Haltung wird leicht mißverstanden. Sie ist keine Kollaboration mit den schlechtesten Tendenzen der Zeit. Sie ist auch nicht die opportunistische Anpassung, die einfach folgt, wohin die Strömung führt. Der Reiter bleibt Herr der Richtung, die er annimmt. Der Tiger mag laufen. Der Mann entscheidet, ob und wie weit er sich tragen läßt, und er behält die Fähigkeit, abzusteigen oder zu wenden, wenn das höhere Maß es verlangt. Die Vorbereitung der vorangehenden Phase macht dies möglich.
Von diesem Tag an ändert sich der Charakter der Forderung. Die Arbeit besteht nicht mehr allein darin, abseits zu stehen. Die Arbeit besteht darin, differenziert zu bleiben, während man sich innerhalb einer Welt bewegt, die selbst auf weitere Auflösung zuläuft. Das Risiko ist größer. Die Möglichkeit, aufrecht zu bleiben, ist für den Mann, der zuerst die innere Stellung gesichert hat, ebenfalls größer. Der Tiger läuft bereits. Die einzige Frage ist, ob jemand vom höheren Typus noch fähig ist, ihn zu reiten.