Julius Evola Daily

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Tag 353 — Die ungesehene Haltung

"Der differenzierte Mann muß stehen können, auch wenn nichts mehr da ist, woran er sich lehnen kann, und niemand mehr da ist, der ihn stehen sieht." — Julius Evola, Den Tiger reiten

Die ungesehene Haltung ist die Fähigkeit, ein höheres Maß zu halten, wenn niemand zusieht und niemand das Halten aufzeichnen wird. Das moderne Leben erzieht Männer dazu, für ein Publikum zu existieren. Selbst die Einsamkeit wird oft für einen künftigen Zuschauer aufgeführt. Der höhere Typus behandelt die ungesehene Stunde als die wirkliche Stunde. Was er ist, wenn kein Zeuge da ist, das ist er.

Junge Männer, die in ständiger Darstellung aufgewachsen sind, finden diese Forderung fast unnatürlich. Man hat sie gelehrt, daß Wert Anerkennung verlangt. Die Tradition lehrt das Gegenteil. Rang, der ein Publikum braucht, ist bereits abhängig. Der restliche Weg erzieht einen Mann dazu, Form in Räumen zu halten, in denen nichts gepostet wird und kein Verbündeter nickt.

Dieses ungesehene Halten ist die restliche Form des älteren traditionalen Wissens von der inneren Disziplin. Der Kontemplative und der Krieger wußten beide, daß die entscheidende Tat geschieht, bevor sie sichtbar wird. Der Mann, der sich selbst im Dunkeln regiert, vollzieht bereits die restliche Tat.

Halte die Haltung, wenn sie nicht gesehen werden kann. Gebrauche Isolation nicht als Erlaubnis und gebrauche Sichtbarkeit nicht als Treibstoff. Die restliche Tat ist, in der unaufgezeichneten Stunde derselbe Mann zu bleiben. Diese Selbigkeit ist Souveränität.

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