Julius Evola Daily

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Tag 345 — Der lange Blick in einem kurzen Zeitalter

"Der Mann, der den Tiger reitet, muß den Sinn des Zyklus bewahren. Ohne diesen Sinn wird er nur getragen." — Julius Evola, Den Tiger reiten

Der lange Blick in einem kurzen Zeitalter ist die Fähigkeit, vom Maßstab der Zyklen zu urteilen, während die umgebende Welt nur in der nächsten Empfindung lebt. Das Zeitalter verkürzt alles: Nachricht, Begehren, Treue, sogar die Idee eines Lebens. Ein verkürzter Blick läßt jeden Druck endgültig erscheinen. Der differenzierte Mann weist diese Zusammenziehung zurück. Er hält den längeren Horizont, auch wenn nichts auf der Straße ihn bestätigt.

Junge Männer, die den langen Blick wollen, sammeln oft historisches Wissen und nennen die Sammlung Vision. Wissen ohne Haltung bleibt nur Inventar. Der lange Blick ist eine Disziplin der Aufmerksamkeit. Er fragt, was ein gegebener Akt über Jahre und über die Wende des Zeitalters bedeutet. Diese Frage kühlt Panik. Sie entfernt auch die billige Erregung, durch die das Zeitalter Knaben regiert.

Dieser einsame Horizont ist die restliche Form des älteren traditionalen Wissens von Zyklen. Der traditionale Mann wußte, daß Welten aufsteigen und fallen und daß die Aufgabe sich mit der Phase ändert. Der Mann, der dieses Wissen wirksam hält, vollzieht bereits die restliche Tat. Er ist schwerer in Panik zu versetzen.

Halte den langen Blick. Laß die Kürze des Zeitalters nicht zur Kürze deines Maßes werden. Die restliche Tat ist, von einem Horizont zu entscheiden, der das gegenwärtige Fieber überdauert. Dieser Horizont ist eines der letzten Privilegien des differenzierten Typus.

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